Hagazussa – Der Hexenfluch

Schwere Kost aus meinem Heimatland! Der Wiener Regisseur Lukas Feigelfeld hat sich mit seinem Debütfilm Hagazussa der Thematik der mittelalterlichen Hexenverfolgung, aus der Perspektive einer Betroffenen, angenommen.

Das junge Mädchen Albrun lebt mit ihrer Mutter, zur Zeit des mittelalterlichen Europa, in der Abgeschiedenheit der österreichischen Alpen. Erschwert wird ihr Alltag nicht nur durch Armut und der Härte des Lebens in den Bergen, sondern auch durch die hartnäckigen Schikanen der Dorfgemeinschaft, die in Albruns Mutter eine Hexe sieht. Als diese schließlich an der Pest stirbt, ist das Mädchen auf sich gestellt. Viele Jahre später ist Albrun selbst alleinerziehende Mutter einer kleinen Tochter und muss ebenfalls den Hass und die Anfeindungen ihrer Mitmenschen über sich ergehen lassen. Von Einsamkeit und Selbstzweifel zerfressen, verfällt die Frau immer mehr dem Wahnsinn.

Das Hexengenre gehört zu jenen Horror-Subgenren, die viele Jahre von Filmemachern weitgehend ignoriert wurden. Das atmosphärische Horror-Drama The VVitch: A New-England Folk Tale nahm sich auf wunderbare Weise der Thematik an und auch Hagazussa schwebt in ähnlichen Gefilden, weshalb gerne Vergleiche zwischen den beiden Produktionen gezogen werden.

Eines Vorweg: Hagazussa ist kein leichtes Filmchen für Zwischendurch. Es ist mehr wie ein Trip, auf den man sich einlassen muss, um dem Gesehenen etwas abgewinnen zu können. Gesprochen wird nicht viel und wenn doch, dann in nicht ganz so leicht verständlichem Dialekt. Genau wie Nicholas Winding Refns Walhalla Rising lebt auch dieses Werk von seinen meditativen Bildern, in welche sich nach und nach das Grauen schleicht. Doch die Art von Horror, die uns dieser Film bietet, liebt man oder hasst man. Die grollenden Sterbelaute der Mutter und ihr letztes Beisammensein mit ihrer Tochter mag so manchen Zuseher überhaupt nicht beeindrucken, während es einem kleinen Teil des Publikums die Haare vor Grauen zu Berge stehen lässt.

Die beeindruckenden Filmaufnahmen werden von dem düsteren Soundtrack der griechischen Band MMMD eingerahmt. Das tiefe Brummen der Klänge unterstützt auf einzigartige Weise die bedrückende Atmosphäre des Films. Das Zusammenspiel zwischen Bild, Ton und Schauspiel funktioniert wunderbar und verschmilzt zu einem wahnwitzigen Fiebertraum, der den Zuseher im Unklaren darüber lässt, was real ist und was sich bloß im Kopf der Protagonistin abspielt. Gerade deswegen erinnert der Film nicht zuletzt auch an Lars von Triers Antichrist, in welchem die Protagonistin aus einem Gefühl von Schuld heraus dem Wahnsinn verfällt.

Hagazussa ist anspruchsvolles Arthouse-Kino, welches einem großen Teil des Publikums vermutlich zu langatmig und schwerfällig ist. Dennoch rate ich jedem, der fernab des Mainstream-Horrors nach Zerstreuung sucht, einen Blick ins teuflische Herz der österreichischen Alpen zu riskieren.

  • Originaltitel: Hazussa – Der Hexenfluch (AT, DE 2018)
  • Altersfreigabe: FSK 16
  • Laufzeit: 102 min.
  • Regie: Lukas Feigelfeld
  • Drehbuch: Lukas Feigelfeld

Besetzung: Aleksandra Cwen, Celina Peter, Claudia Martini, Tanja Petrovsky, Haymon Maria Buttinger …

Copyright 2018: thegoodthebadandinies.wordpress.com, Trailer: © Alive Vertrieb und Marketing 

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Ghostland

Der französische Regisseur Pascal Laugier erlangte mithilfe seines zweiten Films Martyrs Kultstatus in der internationalen Horrorgemeinde. Der Druck auf den Regisseur ist seither groß, denn jeder seiner darauf folgenden Filme muss sich mit seinem Beitrag zum französischen Terror-Kino messen. In Ghostland verschlägt es den Filmemacher nach Kanada, wo er uns die Leidensgeschichte zweier Teenager erzählt.

Pauline (Mylène Farmer) übersiedelt mit ihren beiden Töchtern in das Haus ihrer verstorbenen Tante. Während sich die introvertierte Beth (Emilia Jones), in ihrem Bestreben Horror-Autorin zu werden, ganz ihrer Fantasie und ihren Kurzgeschichten hingibt, hadert ihre ältere Schwester Vera (Taylor Hickson) mit ihrem Schicksal und kann kein Verständnis für ihre zurückhaltende und furchtsame Schwester aufbringen. Noch in der gleichen Nacht in der die Familie das Haus der Tante, welches einem heruntergekommenen Antik-Puppenladen ähnelt, bezieht, brechen zwei Männer ein, um über die Bewohnerinnen herzufallen. Dank der Wehrhaftigkeit der Mutter überlebt die Familie. 16 Jahre später ist Beth eine berühmte Autorin und hat die Geschehnisse dieser Nacht in ihrem aktuellen Roman Incident in a Ghostland verarbeitet. Doch bald schon erreicht sie ein verzweifelter Anruf ihrer Schwester, die seit den damaligen Ereignissen schwerst traumatisiert ist und immer noch mit ihrer Mutter in dem alten Haus lebt.

Auf dem Cover der Amaray (der Film ist zusätzlich als limitiertes Steelbook und Mediabook erhältlich) prangt stolz das FSK16 Siegel. Ein Anblick, der so manchen Genrefan nicht nur aus ästhetischen Gründen die Haare zu Berge stehen lässt. Im Falle von Ghostland treffen die hohen Erwartungen an die Arbeit es Regisseurs auf das Vorurteil, dass ein Film der nicht uncut ohne Jugendfreigabe erhältlich ist, doch kaum schockieren kann.

Gleich mal vorab: Ghostland erreicht nicht annähernd den Härtegrad von Martyrs. Wer bei diesem Film auf eine wahnwitzige Gewaltorgie hofft, wird maßlos enttäuscht. Stattdessen peitscht Laugier den Zuseher durch eine Handlung, die nach einem ruhigen Anfang (in der wir unter anderem mit der Familie das gespenstische Haus erkunden) in knackigen 91 Minuten rasant an Fahrt aufnimmt und die dem Zuseher kaum einen Moment zum Aufatmen gewährt. Zusätzlich durchbricht der Regisseur die Handlung an einem Punkt mit einem Twist, der vielleicht etwas gewollt wirkt und nicht für jeden Zuseher überraschend kommt, der aber dennoch im weiteren Verlauf des Films durchaus für Spekulationen und Unsicherheit sorgt. Obwohl in Ghostland nicht mit Jump-Scares gegeizt wird, sind diese gut durchdacht und die Spannung bleibt auch nach den Schreckmomenten aufrecht. Die gruselige Atmosphäre des Hauses, gepaart mit einem verstörenden Psychopathen-Duo, welches Rob Zombie in Entzücken versetzen würde, lassen den Zuseher nicht zur Ruhe kommen.

Wenngleich die Handlung nicht in Blut getränkt ist, kann man dem Film eine gewisse Härte kaum absprechen. Dabei werden die grausamsten Gewaltakte nicht gezeigt, aber das Grauen im Gesicht der älteren Tochter, sowie ihre Verletzungen beflügeln die Fantasie. Die schlimmsten Dinge in Ghostland sind die Bilder die unsere Vorstellungskraft uns sehen lässt. Das ist durchaus gewollt und verdammt geschickt eingefädelt. Denn ausufernde Fantasie ist eines der treibenden Motive im Film. Zusätzlich bekommen wir ein  gnadenloses Katz-und-Maus-Spiel serviert, bei dem Körperkraft und rohe Gewalt auf den Einfallsreichtum eines jungen Mädchens treffen. In diesen Momenten erinnert Ghostland an all die Filme, die im Fahrwasser des ursprünglichen The Texas Chainsaw Massacre geschwommen sind.

Ghostland ist überzeugendes Terrorkino, das sich nicht hinter dem hochgelobten Martyrs verstecken muss und das zum Glück mutig genug ist eine andere Schiene als Laugiers Kultfilm zu fahren.

  • Originaltitel: Incident in a Ghostland (FR, CA 2018)
  • Altersfreigabe: FSK 16
  • Laufzeit: 91 min.
  • Regie: Pascal Laugier
  • Drehbuch: Pascal Laugier

Besetzung: Crystal Reed, Mylène Farmer, Anastasia Phillips, Emilia Jones, Taylor Hickson…

Copyright 2018: thegoodthebadandinies.wordpress.com, Trailer: © 2018 Capelight Pictures

The Brave

Raphael (Johnny Depp) lebt mit seiner Familie in einer Barackensiedlung auf einer Müllhalde. Er hält sich mit Gaunereien über Wasser, denn Jobs gibt es für ihn und die anderen Bewohner der Müllhalde nicht. Doch dann bekommt er ein Angebot: Der im Rollstuhl sitzende McCarthy (Marlon Brando) bietet ihm 50.000 Dollar, wenn sich Raphael dafür zu Tode foltern lässt. Der junge Mann willigt ein und erhält eine Anzahlung und eine Woche Zeit sich von seiner Familie zu verabschieden. Diese leidet an Zukunftsängsten und ist beherrscht vom Misstrauen Raphael gegenüber, der aufgrund zahlreicher Gefängnisaufenthalte immer wieder seine Familie mittellos zurücklassen musste. Daher beschließt Raphael seine verbleibenden Tage damit zu verbringen, seiner Familie ein wenig Freude und positive Erinnerungen an ihn zu bescheren.

Nachdem Johnny Depps Filmdebüt von amerikanischen Kritikern bei seiner Uraufführung in Cannes zerrissen wurde, entschied der Regisseur, dass sein Erstlingswerk keine Veröffentlichung auf amerikanischem Boden erhalten würde. Er hat bis heute Wort gehalten. Während der Film hierzulande sowohl als VHS, DVD und Blu Ray erschienen ist, muss sich das amerikanische Publikum mit Auslandsimporten begnügen.

Wer Johnny Depps frühere Rollenwahl schätzt, wird kaum überrascht sein, dass er sich für seinen ersten Film eines Themas bedient hat, das nicht unbedingt die Massen anspricht. Amerikanische Ureinwohner sind immer noch die von Armut am stärksten betroffene ethnische Gruppe in den USA. Filmisch wird dieses Problem jedoch kaum aufbereitet, was Depps Werk alleine aufgrund seiner Thematik eine Sonderstellung verleiht.

Erwartet man sich von The Brave einen Film mit extrem grafischer Gewalt, so wird man gnadenlos enttäuscht sein. Johnny Depp ist nunmal nicht Eli Roth und somit wird Raphael nicht Opfer eines schaulustigen Publikums, das darauf hofft blutige Details zu sehen zu bekommen. Statt dessen lässt uns Depp seinen Charakter im Alltag und bei dem Versuch beobachten, die Liebe seiner Familie zurückzugewinnen. Und hier liegt mein Problem mit diesem Film. Raphaels Vorgehen ist bar jeglicher Logik und Weitsicht: eine von Existenzängsten zerfressene Familie wird durch Jahrmarktsgaukeleien wieder versöhnt.

Johnny Depp, der sich in den Großproduktionen, welche auf Fluch der Karibik folgten, gerne bewusst des Overactings bedient, ist in The Brave fast schon als stoisch zu bezeichnen. Wer ihn aus älteren Filmen kennt, weiß, dass der Schauspieler durchaus auch eine ernste Miene aufsetzen kann und diese steht ihm, auch im Fall von The Brave, weit besser als das allzu oft übertriebene Schauspiel, das ihn bei einem breiten Publikum so beliebt gemacht hat.

Die Story selbst wurde mit ruhigen Bildern erzählt und wird nicht von Dialogen beherrscht. Zu Beginn des Films dauert es sogar einige Minuten bis zum ersten Mal gesprochen wird. Das mag für manche Zuseher langweilig sein, ich jedoch fand diese ruhige Erzählweise angemessen. Die gesamte Szenerie ist getränkt von Melancholie. Es wird schnell klar, dass der Held nicht dadurch glänzt, dass er die Bösen zur Strecke bringt, sondern darin, dass er sein Schicksal annimmt und seine Familie auf die einzige Weise unterstützt, die für ihn im Bereich des Möglichen liegt. Daher überrascht es auch kaum, dass der Film in einem Antiklimax endet, welches auf mich eine starke Wirkung hatte und mich betroffen zurückgelassen hat.

Die gesamte Machart von The Brave erinnert stark an Jim Jarmuschs Dead Man, in welchem Johnny Depp auch die Hauptrolle gespielt hat. Um jeglichen Zweifel auszuräumen, dass Depp sich von Jarmuschs Arbeit hat inspirieren lassen, gönnt er Iggy Pop einen kurzen Cameo-Auftritt.

The Brave ist Johnny Depps enthusiastisches Regie-Erstlingswerkt. Dabei beweist er Mut, da er bewusst, sowohl thematisch als auch bei der Wahl seiner Stilmittel, unkonventionell vorgeht. Der Zuseher wird mit einer tieftraurigen und hoffnungslosen Story belohnt, welche gerade wegen des fehlenden Höhepunktes einen gewissen Realismus erzeugt.

  • Originaltitel: The Brave (USA 1997)
  • Altersfreigabe: FSK 16
  • Laufzeit: 123 min.
  • Regie: Johnny Depp
  • Drehbuch: Paul McCudden, Johnny Depp

Besetzung: Johnny Depp, Marlon Brando, Marshall Bell, Elpidia Carrillo …

Copyright 2018: thegoodthebadandinies.wordpress.com

What happened to Monday

Pessimistische Zukunftsvisionen bilden häufig einen guten Nährboden für Science Fiction Verfilmungen. So vielfältig die Thematiken sein können, so unterschiedlich fällt auch die Qualität der jeweiligen Produktionen aus. Der norwegische Regisseur Tommy Wirkola (Dead Snow, Hänsel & Gretel: Witch Hunters) hat sich der Thematik der Überbevölkerung angenommen. Wie er sich dabei schlägt, erzähle ich euch in den nächsten Zeilen.

In einer nahen Zukunft ist unser Planet so überbevölkert, dass die Ernährung der Menschen nicht mehr sichergestellt werden kann und die Natur im Begriff ist vollkommen zu kollabieren. Als Reaktion darauf kommt es dank der ehrgeizigen Politikerin Nicolette Cayman (Glenn Close) zu einer drastischen Ein-Kind-Politik, in der jeder zusätzliche Sprössling gejagt und in einen Kryo-Schlaf versetzt wird, für den unwahrscheinlichen Fall, dass in der Zukunft wieder alles Friede, Freude, Eierkuchen ist. Als eine Frau bei der Geburt ihrer Siebenlinge stirbt, beschließt deren Großvater Terrence (Willem Dafoe) die Mädchen heimlich in seiner Wohnung großzuziehen und heckt einen Plan aus, der es den Geschwistern (Noomi Rapace) erlauben soll, in relativer Sicherheit zu leben. Benannt nach den sieben Wochentagen dürfen die Mädchen am jeweiligen Tag die Wohnung verlassen, um nach außen hin eine einzige Identität zu verkörpern: Karen Settman. Ihre individuelle Persönlichkeit dürfen die Schwestern nur innerhalb der eigenen vier Wände ausleben. Dies funktioniert dreißig Jahre lang, bis jedoch eines Tages Monday abends nicht mehr heimkommt und ihre Schwestern beschließen der Sache auf den Grund zu gehen.

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Sieben Geschwister – eine Identität: Karen Settman

What happened to Monday wartet mit einer interessanten Thematik auf, welche nachfolgende Generationen noch einige Kopfschmerzen bereiten wird. Bereits jetzt sorgen Bevölkerungsexplosionen in weiten Teilen der Welt unter anderem für Nahrungsmittel- und Wasserknappheit sowie fortschreitenden Klimawandel. Ein Sujet wie dieses bietet sich geradezu an filmisch erörtert zu werden und zu versuchen auf relevante Fragen eine Antwort zu finden.

Für die Rolle der erwachsenen Schwestern wurde Noomi Rapace gecastet, welche durchaus überzeugend ist und die Illusion verschiedener Personen erweckt. So gestalten sich die Szenen in denen alle Schwestern in einer Einstellung zu sehen sind erst interessant, jedoch wird bald deutlich, dass den einzelnen Charakteren kein Raum zur Entfaltung geboten wird. Jede Schwester stellt einen Stereotyp dar (die Pflichtbewusste, die Unsichere, die Kraftsportlerin, die Rebellin, der Nerd, das Party Girl und die Fürsorgliche), der in der dünnen Handlung seinen Part zu erfüllen hat; mehr nicht. Dabei beginnt What happened to Monday vielversprechend, was nicht zuletzt Willem Dafoes Handlungsstrang geschuldet ist. Doch sehr bald schon verliert sich der Film in Vorhersehbarkeit, haarsträubenden Plot Holes und einfallslosen Action-Sequenzen.

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Die Situation gerät außer Kontrolle

Als Fan von Science Fiction Filmen drücke ich bereitwillig ein Auge zu, wenn eine Story Logiklöcher enthält, sofern mich das Machwerk auf irgendeine Weise überzeugen kann. What happened to Monday schafft dies jedoch nicht ansatzweise. Jegliche Hoffnung, dass der Film auf seine spannende Thematik eingeht, ist umsonst. Stattdessen wird ein Charakter nach dem anderen verheizt, während er sich pflichtbewusst nach seinem vorgeschriebenen Stereotyp verhält. Die Antagonisten sind lächerlich farblos, sehen aus wie wandelnde Klischees und verhalten sich so stupide und irrational, dass es weh tut. Epic plot holes: wir wissen wo sich die Schwestern aufhalten, brauchen aber eine halbe Armee und rund 100 Filmminuten, um ihrer habhaft zu werden. Oder auch: ein System, das jede Person minutiös überwacht: jeden Gang zur Arbeit, jeden Einkauf, merkt nicht, dass Karen Settman immer Nahrungsmittel für sieben Leute einkauft?

What happened to Monday hätte viele interessante Ansätze ausschöpfen können, wie es in der Vergangenheit zum Beispiel Children of Men getan hat. Aber man hat noch nicht einmal versucht eine intelligente Story zu spinnen, sondern stattdessen ausschließlich auf schlecht eingefädelte Action gesetzt. Fazit: verschwendete Lebenszeit.

  • Originaltitel: What happened to Monday (UK, FR, BE 2017)
  • Altersfreigabe: FSK 16
  • Laufzeit: 124 min.
  • Regie: Tommy Wirkola
  • Drehbuch: Max Botkin, Kerry Williamson

Besetzung: Noomi Rapace, Glenn Close, Willem Dafoe, Marwan Kenzari …

Copyright 2018: thegoodthebadandinies.wordpress.com, Fotos und Trailer: © 2018 Splendid Film

„Dogtooth“ – Realität, Macht und das gefährlichste Tier der Welt

Filme haben die unterschiedlichsten Qualitäten. Manche von ihnen sollen uns Angst einjagen, einige holen uns in andere Welten und sehr viele Filme dienen der Unterhaltung. Dogtooth gehört zu jenen Streifen, die uns gleichermaßen fordern und befremden sollen. Jeder von uns hat von Fällen gelesen, in denen Kinder von ihren Eltern gefangen gehalten und vollständig von der Außenwelt abgeschirmt worden waren. Was mit Menschen passiert, deren Leben gänzlich kontrolliert und manipuliert wird, zeigt uns Yorgos Lanthimos in seinem beängstigend realistischen Film Dogtooth.

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Auf einem abgeschiedenen, weitläufigen Grundstück irgendwo in Griechenland lebt ein Elternpaar mit seinen erwachsenen Kindern. Der Sohn (Hristos Passalis) und die beiden Töchter (Angeliki Papoulia, Mary Tsoni) haben noch nie das Grundstück verlassen, in dem Glauben, dass außerhalb des mehrere meterhohen Zaunes eine gefährliche Welt lauert. Katzen halten sie für mörderische Bestien, die Zeit vertreiben sie sich mit absurden Spielen und erblicken sie ein Flugzeug am Himmel, dann hoffen sie darauf, dass es abstürzt – weil dann haben sie ein begehrtes Spielzeug mehr. Unterrichtet werden die Sprösslinge mithilfe von Lernkassetten, welche bewusst mit Fehlinformationen gespickt sind. So nennen sie den Salzstreuer ‚Telefon‘ und als der Sohn im Verlauf des Filmes das Wort ‚Zombie‘ aufschnappt, erklärt ihm die Mutter (Michele Valley), dass es sich dabei um eine kleine gelbe Blume handelt.

Um die Triebe des Sohnes im Zaum zu halten, bringt der Vater (Christos Stergioglou) hin und wieder Christina (Anna Kalaitzidou) mit, welche gegen Bezahlung mit dem männlichen Nachwuchs freudlosen Sex hat. Doch die Außenstehende lässt sich nicht so leicht kontrollieren wie die eigenen Kinder und schon bald bietet Christina der älteren Tochter einen Handel an und erweckt damit in weiterer Folge deren Neugierde auf die Außenwelt.

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Ein „glückliches Familienidyll …

Der französische Philosoph Michel Foucault befasste sich in seinem 1975 erschienenen Werk Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses unter anderem mit gesellschaftlichen Machtstrukturen. Foucault geht dabei von drei großen Machttechniken aus, von denen die erste Technik das Wegsperren von Personen in ein von der Außenwelt abgetrenntes Areal beinhaltet. Der Austausch mit der Außenwelt wird hierbei begrenzt und von der machthabenden Instanz kontrolliert. Macht und Kontrolle sind auch Schlüsselelemente des Films Dogtooth, wobei die Familie im Film durchaus bloß symbolischen Charakter haben kann. Wir alle hängen in einem Netz aus Macht und Kontrolle, in dem die jeweiligen Drahtzieher uns konditionieren und kontrollieren und uns mit genau den Informationen füttern, die nötig sind, um das gegenwärtige Machtgefüge aufrecht zu erhalten. Das Verhalten und die Spiele der „Kinder“ wirken befremdlich, ihre Unwissenheit lässt den Zuseher schmunzeln. Doch dabei sollte man sich selbst die Frage stellen, wie unsere Gesellschaft, unser Verhalten und unsere Wahrheiten auf Außenstehende wirken.

Im Film lässt der Vater einen Hund abrichten, welcher später von der Mutter „geboren“ werden soll. Hunde sind ebenso leicht zu erziehen und zu kontrollieren wie Menschen. Dabei überrascht es nicht, dass in Dogtooth gerade die Katze als das gefährlichste Tier der Welt dargestellt wird. Die Katze stellt eine Metapher für unbändigen Freiheitsdrang und freien Willen dar und ist somit ein Wesen das für die Machthaber, im Fall des Films die Eltern, ein unkontrollierbares Risiko darstellt.

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… doch die älteste Tochter hat eigene Pläne

Der fehlende Score, die sehr klare aber auch distanziert wirkende Kameraarbeit, als auch der verfremdete Alltag der Familie beschwören ein Gefühl von Realismus. Beinahe fühlt man sich wie ein Voyeur, der Szenen beobachtet, die man nicht zu sehen bekommen sollte und die man eigentlich auch überhaupt nicht sehen will. Doch genau hier liegt der Reiz des Films. Denn von gelegentlichen WTF-Momenten mal abgesehen, fragt man sich zudem wie zum Teufel diese Geschichte weiter- und ausgehen soll. Dogtooth stellt ein Paradebeispiel des europäischen Autorenkinos dar – und geht Hand in Hand mit den Werken Hanekes, dessen kühle Distanziertheit sich immer wieder in Lanthimos Werken widerspiegelt. Dabei beschwört der griechische Regisseur jedoch mit unglaublicher Selbstverständlichkeit zahlreiche schwarzhumoristische Momente, welche es schaffen die Stimmung aufzulockern – ein Attribut, das Hanekes Filmen vollkommen abgeht.

Dogtooth erzählt mit einfachen Mitteln eine Geschichte über die Subjektivität der Realität. Wer radikales Arthouse-Kino mag, wird mit dieser Perle sehr viel Freude haben.

  • Originaltitel: Kynodontas (GR 2009)
  • Altersfreigabe: FSK 16
  • Laufzeit: 94 min.
  • Regie: Yorgos Lanthimos
  • Drehbuch: Yorgos Lanthimos, Efthymis Filippou

Besetzung: Christos Stergioglou, Michele Valley, Angeliki Papoulia, Hristos Passalis, Mary Tsoni, Anna Kalaitzidou …

Copyright 2018: thegoodthebadandinies.wordpress.com, Fotos und Trailer: © 2011 I-On New Media/Splendid Film.

The Killing of a Sacred Deer

Der griechische Filmregisseur Yorgos Lanthimos ist Freunden des Arthouse-Kinos spätestens seit seinem ersten englischsprachigen Film The Lobster ein Begriff. In The Killing of a Sacred Deer, in welchem er den Mythos der Iphigenie in ein zeitgenössisches Umfeld verlegt, versetzt er den Protagonisten in eine ausweglose Situation, in der jede Entscheidung Verlust bedeutet. Im griechischen Mythos bestraft Artemis Agamemnon, weil er einen Hirsch in ihrem heiligen Hain getötet hat. Die Göttin fordert den Jäger dazu auf, seine eigene Tochter zu opfern, um seine Schuld zu sühnen.

Steven Murphy (Colin Farrell) ist Chirurg und lebt mit seiner Frau Anna (Nicole Kidman) und seinen beiden Kindern Kim (Raffey Cassidy) und Bob (Sunny Suljic) nach außen hin ein Leben wie im Bilderbuch. Die Familie ist reich an materiellen Gütern und die Kinder sind wohlerzogen. Doch Emotionslosigkeit bestimmt den Alltag der Familie Murphy. Eines Tages lädt Steven den Teenager Martin (Barry Keoghan), mit dem er sich seit einiger Zeit heimlich trifft, in sein Zuhause ein und der Junge schafft es sich mit der Familie anzufreunden. Doch Martin, der zwei Jahre zuvor seinen Vater verloren hat, verfolgt ein gänzlich unerwartetes Ziel. Als Stevens Sohn plötzlich jegliches Gefühl in seinen Beinen verliert, macht Martin deutlich, dass die Familie dem Tode geweiht ist, es sei denn Steven tötet einen Menschen den er liebt.

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Steven nimmt sich des Halbwaisen an …

Gleich zu Beginn des Films sehen wir eine Operation an einem offenen Herzen. Im Anschluss streift Steven die blutigen Latexhandschuhe ab und lässt sie in den Mülleimer fallen. Sein Handeln wirkt routiniert und bar jeglichen Gefühls. Doch sein nüchternes Vorgehen beschränkt sich nicht nur auf sein Arbeitsleben. Jegliche Interaktion mit seinen Mitmenschen wirkt unterkühlt. Die Unterhaltungen mit den Mitgliedern seiner Familie erscheinen konstruiert und klingen nicht wie Gespräche zwischen fühlenden Wesen. Sehr schnell wird klar, dass Steven ein Mensch ist, der es gewohnt ist sein privates Umfeld zu kontrollieren. In The Wisdom of Psychopaths: What Saints, Spies, and Serial Killers Can Teach Us About Success veröffentlichte der Psychologe Kevin Dutton eine Liste mit den Berufen, welche bei Psychopathen am beliebtesten sind und zu denen auch die Chirurgie zählt (die anderen neun sind CEO, Anwalt, Medien, Verkäufer, Journalist, Polizist, Geistlicher, Koch, Beamter). Psychopathen fühlen keine Reue und kein Mitgefühl – eine Beschreibung die sehr gut auf den Protagonisten zutrifft, bis dieser in eine Situation gerät, in der ihm beinahe jegliche Kontrolle der Ereignisse aus den Händen gerissen wird.

Wirken die Charaktere und deren Interaktion bereits ausgesprochen schablonenhaft, so trägt die Kamera ihr Übriges dazu bei. Sehr oft wurde mit einem Weitwinkelobjektiv in der Totalen gefilmt, was ein Gefühl der Distanz und Entfremdung erzeugt und das dem Gesehenen im Zusammenspiel mit den Dialogen in voller Absicht jegliches Gefühl von Realismus entzieht. Nicht selten erinnert die unterkühlte Ästhetik, aber auch der sozialkritische Kontext an ein Werk Michael Hanekes; wobei Lanthimos jedoch davon absieht den moralischen Zeigefinger zu erheben. Steht Familie Murphy für die Mächtigen dieser Welt, so gehört Martin, wie er selbst deutlich macht, den weniger privilegierten Menschen an. So sagt er in einer Szene über sich und seine Mutter: „We live in a not so nice neighborhood, in a not so nice house“. Doch Martin denkt nicht daran sich mit den Machtverhältnissen abzufinden. Er dreht auf unerklärliche Weise den Spieß um und reißt die Familie aus ihrer banalen Lethargie.

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… und muss eine folgenschwere Entscheidung treffen

In dem erstklassig besetzten Film brilliert vor allem Barry Keoghan in der Rolle des Martin. Seine Darstellung des gnadenlosen Racheengels erinnert an Ezra Millers Schauspiel in We need to talk about Kevin. Eine große Portion des Horrors, den Lanthimos in The Killing of a Sacred Deer aufleben lässt, wird dem Zuseher durch Keoghans Performance serviert. Sein Minenspiel wechselt von Gleichmütigkeit bis hin zur kalten Berechnung und es fällt beinahe zu leicht ihn zu hassen, wenn man den Umstand verdrängt, dass er nur ein Opfer ist, das Vergeltung sucht.

Die Filmmusik erstreckt sich über Johann Sebastian Bach bis hin zu Franz Schubert und wirkt als Verstärker für das Gefühl von Bedrohlichkeit, welches mit Fortschreiten des Films immer stärker wird. Im Zusammenspiel mit einem erstklassig ausgearbeiteten Drehbuch, der außergewöhnlichen Kameraarbeit und einem hervorragenden Schauspielerensemble ist Lanthimos ein packender und verstörender Rachethriller über Schuld und Vergeltung gelungen, der noch lange Zeit nachwirkt und der den Zuseher nach Antworten suchen lässt …

Aber vielleicht gibt uns Martin selbst einen kleinen Hinweis, als er sich ein Stück Fleisch aus dem Arm beißt und anschließend sagt: „It’s metaphorical. My example, it’s a metaphor …“

The Killing of a Sacred Deer ist eine klare Empfehlung an alle, die außergewöhnliche Filme schätzen, die unbequeme Fragen stellen und den Zuseher fordern.

  • Originaltitel: The Killing of a Sacred Deer (England, Irland 2017)
  • Altersfreigabe: FSK 16
  • Laufzeit: 121 min.
  • Regie: Yorgos Lanthimos
  • Drehbuch: Yorgos Lanthimos, Efthymis Filippou

Besetzung: Colin Farrell, Nicole Kidman, Barry Keoghan, Raffey Cassidy, Sunny Suljic, Alicia Silverstone …

Copyright 2018: thegoodthebadandinies.wordpress.com, Fotos und Trailer: © 2018 Alamode Filmverleih

Turbo Kid

Spätestens seit dem enormen Erfolg der Netflix-Serie Stranger Things sollte klar sein, dass die Nachfrage nach Produktionen mit Retro-Charme nicht zu unterschätzen ist. Das kanadische Regisseuren-Trio François Simard, Anouk Whissell und Yoann-Karl Whissell entführen uns in Turbo Kid zurück ins Abenteuer/Action-Kino der 1980er Jahre.

Nach der Apokalypse in den 1980er Jahren ist die Welt im Jahr 1997 eine karge Einöde. An diesem unwirtlichen Schauplatz treffen wir auf den Teenager The Kid (Munro Chambers), der sich alleine im Ödland durchschlägt. Wie besessen sammelt er Artefakte aus den 80er Jahren, um sie gegen Wasser, dies ist inzwischen ein rares Gut, und Superhelden-Comics zu tauschen. Eines Tages trifft er auf Apple (Laurence Leboeuf), welche Kid kurzerhand zu ihrem besten Freund erklärt. Obwohl Kid von dem naiv-quirligen Mädchen genervt ist, entschließt er sich sie zu retten, als sie in die Hände des Superschurken Zeus (Jeremy Irons), dem Herrscher über das Ödland, fällt.

Eine Liebeserklärung an die 80er Jahre …

Die Kinder der 80er sind längst erwachsen geworden und nicht wenige von ihnen sind immer noch Fans der damaligen Populärkultur.  Aus diesem Grund war es nur eine Frage der Zeit, bis sich auch Filmemacher von dem Charme 80er inspirieren ließen. Hobo with a Shotgun ist ein Paradebeispiel für einen trashigen Actionfilm im Stile der 80er. Turbo Kid selbst ist ein Sammelsurium an Filmzitaten, welche nur darauf warten erkannt zu werden.  Film-Fans werden über das eine oder andere Soylent Green Zitat schmunzeln können und es finden sich unter anderem auch zu Mad Max, BMX Bandits und Tank Girl Verweise. Dieser Wiedererkennungswert macht Turbo Kid zu einem Leckerbissen für Fans von 1980er Filmproduktionen. Die Regisseure haben es geschafft sich nicht in Nostalgie zu verlieren, sondern einen Film zu produzieren, der einfach nur Spaß macht.

… und ein blutiger Trip

Turbo Kid könnte aufgrund seines naiven Charmes und seiner witzigen Coming-of-Age Story durchaus ein Film sein, den Kinder mögen würden, … wären da nicht Unmengen an Kunstblut, die literweise vergossen und verspritzt werden. Die Retro-Perle wartet mit einer Menge an originellen Kills auf, welche so witzig umgesetzt wurden, dass selbst die sonst so strenge FSK beide Augen zugedrückt und den Film mit einer 16er Freigabe durchgewinkt hat.

Was die Story betrifft, so sollte man seine Erwartungen nicht hoch halten, denn diese ist denkbar einfach gestrickt. Auch den alles andere als tapferen Sonderling, der seinen Mut zusammenkratzt und sich dem Bösen stellt, um sein Mädchen zu retten, kennen wir zu genüge. Doch die Charaktere sind bewusst klischeehaft gehalten, um uns, in Verschmelzung mit stilgetreuem Synthie-Pop und allen anderen Elementen des Films, zurück in die 80er zu befördern.

Turbo Kid ist eine wilde BMX-Fahrt und unterhaltsames Popcorn-Kino, welches sich selbst nicht allzu ernst nimmt.

  • Originaltitel: Turbo Kid (Kanada, Neuseeland 2015)
  • Altersfreigabe: FSK 16
  • Laufzeit: 93 min.
  • Regie: François Simard, Anouk Whissell, Yoann-Karl Whissell
  • Drehbuch: François Simard, Anouk Whissell, Yoann-Karl Whissell

Besetzung: Munro Chambers, Laurence Leboeuf, Michael Ironside, Edwin Wright, Aaron Jeffrey ..

Copyright 2018: thegoodthebadandinies.wordpress.com, Trailer: © Epic Pictures Group

The House That Jack Built (Cannes 2018 Teaser)

Lars von Trier – berühmt-berüchtigter, allseits beliebter/gehasster Filmregisseur präsentiert in Cannes sein neuestes Werk: The House That Jack Built

Der Film, in dem Matt Dillon einen cleveren Serienkiller verkörpert, wird Out of Competition laufen und hoffentlich sehr bald in unseren Kinos zu sehen sein. Trailer gibt es leider noch keinen, aber zumindest dürfen wir in dem folgenden Teaser einen allerersten Blick auf den neuen Film des dänischen Enfant Terrible werfen.

Copyright 2018: thegoodthebadandinies.wordpress.com, Trailer: © 2018 Zentropa Productions

Silence

Der katholische Schriftsteller Endō Shūsaku befasste sich in seinem Roman Chinmoku (Schweigen) mit der Christenverfolgung im japanischen Tokugawa-Shogunat. Der Roman wurde 1971 von Masahiro Shinoda zum ersten Mal verfilmt. Nachdem Martin Scorsese in den 1980er Jahren den Roman geschenkt bekommen hatte, entschloss er sich die Geschichte zu verfilmen. Ein Vorhaben, das er erst im Jahr 2016 realisieren konnte.

Nachdem bekannt wird, dass der jesuitische Missionar Cristóvão Ferreira (Liam Neeson) in Japan seinem Glauben abgeschworen hat, reisen seine ehemaligen Schüler Sebastião Rodrigues (Andrew Garfield) und Francisco Garupe (Adam Driver) heimlich nach Japan, um den Gerüchten auf die Spur zu kommen. Das Land ist ist zu dieser Zeit fast vollkommen von der Außenwelt abgeschottet und die japanische Inquisition hat ein Kopfgeld auf alle Christen angesetzt. Nach ihrer Ankunft werden die beiden Jesuiten in einem Dorf voller Konvertiten zu einer Art lebender Reliquie. Schon bald erfährt der hiesige Inquisitor von der Anwesenheit der Priester und verlangt die Auslieferung der Jesuiten oder den Tod dreier gläubiger Dorfbewohner.

Christen in Japan

Im Jahr 1549 erreichte der portugiesische Jesuit Francisco de Xavier das japanische Festland, in dem Bestreben, die Saat des Christentums in Japan zu sähen. Tatsächlich traf er dort auf fruchtbaren Boden und läutete das sogenannte christliche Jahrhundert in Japan ein. Indem man Daimyô (Lehensherren) für das Christentum gewann, gelang es den Jesuiten gleichzeitig auch deren Untertanen für sich zu gewinnen. Da die importierte Religion, die zudem keinerlei andere Gottheiten neben dem eigenen Gott akzeptierte, an Einfluss gewann, begann die anfängliche Akzeptanz zu bröckeln. Der Reichseiniger Toyotomi Hideyoshi erließ Ende des 16. Jahrhunderts ein Ausweisungsedikt für Missionare. Dies war die erste Maßnahme gegen das Christentum, welche in den folgenden Jahrzehnten in Christenverfolgung, sowie der Hinrichtung zahlreicher Menschen gipfelte.

Glaubenskampf

Filmen, die sich mit Religion befassen, geht sehr oft ein bedeutendes Element ab: dem Streben nach Objektivität. Meistens wird sehr schnell deutlich welche Einstellung der Filmschaffende dem Thema entgegenbringt. Auch in Silence wird klar, dass Martin Scorsese, der einer streng religiösen Familie entstammt, dem Christentum nicht mit Ablehnung begegnet. Gleichzeitig ist er jedoch auch bemüht, ein gewisses Verständnis für die Haltung der japanischen Inquisition zu übermitteln: zumindest die Logik hinter ihrem Handeln spricht er ihnen nicht ab.

Silence befasst sich zu einem großen Teil mit der Frage: wieso schweigt Gott im Angesicht der Grausamkeiten, die seinen Anhängern widerfahren und was macht einen wahren Christen aus? Die meisten im Film begangenen Folterungen wären vermeidbar gewesen, hätten die Jesuiten ihrem Gott nach außen hin abgesagt, indem sie auf sein Abbild getreten wären. Sehr subtil kritisiert Scorsese das Anbeten von Reliquien und macht deutlich, dass ein Glaube, der nicht nach außen getragen wird, innerlich umso stärker sein kann. Zu kurz kommt mir in Silence die Kritik an der Missionstätigkeit selbst. Der Fokus liegt hier rein darauf, wie tief der Glaube der Jesuiten ist und wie groß das Leid ist, das den Christen zugefügt wurde.

Stärken und Schwächen des Films

Andrew Garfield, der im Vorfeld zu den Dreharbeiten monatelang jesuitische Exerzitien geübt hat, spielt den innerlich zerrissenen Priester mit der ihm üblichen Überzeugungskraft. Liam Neeson strahlt in der Rolle des vielleicht vom Glauben abgefallenen Priesters die Ruhe und Gelassenheit eines Jedi-Ritters aus. Auch die japanische Besetzung kann sich sehen lassen. Tadanobu Asano und Issei Ogata verkörpern glaubwürdig die Mensch gewordene, kalte Logik der japanischen Inquisition während man mit Shinya Tsukamoto (er spielt den tiefgläubigen Mokichi) einen der innovativsten japanischen Regisseure mit an Board geholt hat.

Neben den Darstellern ist die größte Stärke des Films dessen Bildgewalt, weshalb der Kameramann Rodrigo Prieto 2017 für den Oscar in der Kategorie Beste Kamera nominiert wurde. Sehr viele Szenen wurden in der Totalen gedreht. Dies ist ein effektives Stilmittel, um die empfundene Hilflosigkeit der Jesuitenpriester zu verdeutlichen. Ebenso wurde über lange Strecken im Film Japans Natur als rau und fast schon unwirtlich dargestellt. Dies dient als Metapher für die Widrigkeiten, mit denen die portogiesischen Missionare konfrontiert wurden. Die Handlung bleibt über eine lange Strecke fesselnd und bietet fantastische dramaturgische Höhepunkte, wie zum Beispiel jene, in der drei Konvertiten ans Kreuz gebunden und von der Flut ertränkt werden (bei dem Dreh mussten Shinya Tsukamoto und seine Schauspielerkollegen tatsächlich jede Menge Wasser schlucken). Doch ab einem bestimmten Punkt beginnt der Film sich in die Länge zu ziehen. Es hätte nicht geschadet, wenn man Rodrigues’ anhaltende Glaubenskrise ein wenig gestrafft hätte. Scorsese hat hierbei, aufgrund seines tiefen Interesses an der Thematik, etwas über die Stränge geschlagen.

Silence ist kein Film, den ich uneingeschränkt empfehlen kann. Bringt man kein Interesse an Religion oder der japanischen Geschichte mit, wird der Film selbst vermutlich für den Zuseher zur Folter.

 

  • Originaltitel: Silence (USA, Mexiko, Taiwan 2016)
  • Altersfreigabe: FSK 12
  • Laufzeit: 161 min.
  • Regie: Martin Scorsese
  • Drehbuch: Jay Cocks, Martin Scorsese

Besetzung: Andrew Garfield, Liam Neeson, Adam Driver, Shinya Tsukamoto, Tadanobu Asano, Issei Ogata, Yoshi Oida …

Copyright 2018: thegoodthebadandinies.wordpress.com, Trailer: © Concorde Filmverleih

Gothic Romance; A flirt between love and death

Staubige Schlösser und düstere Herrenhäuser, die auf einem vorzugsweise weit abgelegenen Landgut liegen. Eine junge Frau, wenn möglich ohne Familienanschluss und ein mysteriöser byronischer Held, der ebendieser Maid recht bald den Kopf verdreht. Klingt kitschig? Hierbei handelt es sich um die beliebtesten Schlüsselelemente der Gothic Romance, die einen Ableger der Gothic Fiction a.k.a. des Gothic Horror darstellt (im Deutschen wird diese Literaturform gerne Schauerroman genannt). Seine Blütezeit hatte diese Art der Literatur im 18. und frühen 19. Jahrhundert. Zu den bekanntesten Schriftstellern zählen Horace Walpole (dessen Roman A Gothic Story gleichzeitig Namensgeber für jenes Genre ist), Ann Radcliffe, Mary Shelley, Charlotte Brontë, sowie Emily Brontë und nicht zuletzt auch Bram Stoker. Jeder von uns kennt Gothic Fiction zumindest in Form von Dracula und Frankenstein (der gleichzeitig eine frühe Form der Science Fiction darstellt) und dem einen oder anderen filmischen Ableger dieser Gruselgeschichten.

Auch wenn die Gothic Romance nicht unbedingt übernatürliche Elemente enthalten muss, so schwingt doch immer die Aura des Düsteren und Unheilvollen über der Handlung, welche auf zwei grundlegende Elemente reduziert werden kann: Liebe und Tod

Dazwischen bleibt mitunter sehr viel Spielraum für gesellschaftliche Probleme, wie die Trennung der Klassen, Frauenrechte oder auch der Einfluss der Kirche auf das Schicksal der Menschen. Gewürzt werden diese Storys gerne mit ein wenig Psychologie, die sich häufig in Obsessionen oder dem einen oder anderen wahnsinnig gewordenen Familienmitglied äußert.

In den 1940er Jahren erfreute sich die Gothic Romance in Hollywoodfilmen einer gewissen Beliebtheit. Unter anderem verarbeitete Alfred Hitchcock die Thematik in seinen Filmen Suspicious (Verdacht) und Rebecca. Grundsätzlich fristet dieses Subgenre jedoch ein Nischendasein, mit wenigen, dafür aber umso überzeugenderen Vertretern:

Jane Eyre

Von den talentierten Brontë-Schwestern ist Charlotte Brontë, die Autorin von Jane Eyre, vermutlich die Bekannteste. Zwar ist der Roman nicht die früheste Gothic Romance Erzählung, dennoch ist Jane Eyre für mich die Mutter der Gothic Romance: er bietet Grusel, Romantik und ist zudem äußert sozialkritisch. Die Trostlosigkeit des Anwesens ist Symbol für Mr. Rochesters düsteres Seelenleben. Brontë schwelgt in ihrem Roman in Andeutungen und Metaphern. Ganz wunderbar umgesetzt wurde die Stimmung dieser Erzählung von Cary Fukunaga, mit Michael Fassbender als Mr. Rochester.

 

Bride of Frankenstein

Bride of Frankenstein (Frankensteins Braut) aus dem Jahr 1935 ist ein sehr früher filmischer Angehöriger der Gothic Romance. In dieser Fortsetzung des Universal Klassikers Frankenstein (1931) gelingt es dem größenwahnsinnigen Doktor ein weibliches Monster zu erschaffen, das von der wunderbaren Elsa Lanchester verkörpert wurde.

 

The Others

Der spanische Regisseur Alejandro Amenábar hat mit The Others einen Genre-Vertreter geschaffen, der schon längst ein Kult-Klassiker ist. Nicole Kidman brilliert hier als neurotische Mutter, die in den Wirren des Krieges mit ihren Kindern auf sich allein gestellt ist. Tatsächlich ist dieser cineastische Mindfuck eher Gothic Horror als Gothic Romance, jedoch darf er aufgrund seiner Genialität nicht in dieser Liste fehlen.

 

Sleepy Hollow

Tim Burton bringt mit Sleepy Hollow die europäische Gothic Romance in die USA, was ihm mit außerordentlichem Geschick fürs Genre gelingt. Als Vorlage diente ihm The Legend of Sleepy Hollow von Washington Irving. Dabei ist es beachtlich, was Burton aus der wenigen Seiten langen Kurzgeschichte herausgeholt und mit wunderbarer Leichtigkeit zu einem abendfüllenden Spielfilm aufgerüscht hat.

 

Only Lovers left alive

In Jim Jarmuschs Only Lovers left alive treffen wir auf die Jahrhunderte alten Vampire Adam und Eve, welche eher schlecht als recht die Zeit in der Gegenwart totschlagen. Der Film tanzt aufgrund seines Settings extrem aus der Reihe. Er gehört für mich dennoch, nicht zuletzt wegen der großartigen Besetzung, zu den beeindruckendsten Vertretern seiner Art. Ganz besonders Tom Hiddleston ist fantastisch als schwermütiger Rockstar-Vampir. OMGoth!

 

Bram Stoker’s Dracula

Relativ spät zur Party erschien 1897 Bram Stokers Roman Dracula. Die Geschichte des liebeskranken Vampirgrafen, sollte ursprünglich in Österreich spielen, bis Herr Stoker von dem inzwischen berühmt-berüchtigten walachischen Herrscher Vlad Țepeș erfuhr. Daraufhin hatte der Schriftsteller seine Story kurzerhand ins heutige Rumänien verlegt und derselben damit gleichzeitig einen historischen Anstrich verliehen. Zahlreiche Dracula-Verfilmungen hätten an dieser Stelle eine Erwähnung verdient. Entschieden habe ich mich für jene von Francis Ford Coppola. Bram Stoker’s Dracula ist in jeder Sekunde von den Wesenszügen der Gothic Romance durchdrungen und ein beeindruckend schönes Horror-Märchen.

 

Crimson Peak

Guillermo del Toro zählt seit Langem zu den Meistern des fantastischen Films. Sein atemberaubend schönes Crimson Peak hat dennoch (zu Unrecht) jede Menge schlechte Kritik bekommen. Von seinen visuellen Stärken mal abgesehen, ist dieses schaurige Märchen, das von The Innocents (Schloss des Schreckens) 1961 und Flowers in the Attic (Blumen der Nacht) beeinflusst wurde, ein atmosphärisches Wunderwerk, voller Grusel, Intrigen und Romantik. Wer’s nicht liebt, tut mir leid.

 

Mögt ihr Gothic Romance oder Gothic Horror Filme im Allgemeinen? Welche Vertreter des Genre zählen zu euren Favoriten?